Das vergessene Vorwort oder:


Eine launige Entführung nach Dithmarschen
und zu Kool und Voss


  

KurzerAbriss der Dithmarscher Entstehungsgeschichte

Dithmarschen ist eine Insel ...



Vorwort zu Lars Voss


... und das ist eine Tatsache, die von allen Beteiligten immer wieder betont und in den höchsten Tönen gelobt wird. Sowohl von den Insassen dieser Insel als auch von deren geplagten Nachbarn. Schon in den frühesten antiken Aufzeichnungen werden die Dithmarscher erwähnt – zum Beispiel bei dem römischen Schriftsteller Tacitus.

Die historische Tatsache, dass die römischen Expansionsgelüste an der Elbe gestoppt wurden, lässt darauf schließen, dass bereits unsere Ahnen eine sehr handfeste Auffassung vom Leben hatten. Und dass sie diese Auffassung nicht nur sich selbst umhängten, sondern sie auch zuweilen mit Waffengewalt andern aufzwangen, die aus Not, Beute-Lust oder Vergnügen durch unsere Lande zogen.

Außerdem trugen die Dithmarscher ihre Lebensweise als Entwicklungshelfer zu den Nachbarn. In den späteren Jahrhunderten vermittelten sie diese den Männern mit Waffengewalt und den Frauen auf eine andere Art, sodass man vielerorts auf der Welt blonde Abkömmlinge von Dithmarschern in der 48-zigsten Generation antreffen kann.

Wenn diese Sache näher interessiert, kann man sich ja mal über die so genannten Angelsachsen belesen. Diese sorgten Jahrhunderte vor den Wikingerraubzügen dafür, dass der blonde Haarschopf auch in England Mode wurde.

Im übrigen trifft dieses modische Accessoire auch auf einen Großteil der nordamerikanischen Bevölkerung zu. Denn was sich heute Sachsen nennt, sind jene etwas horizontal herausgeforderten, untersetzt zu nennenden Bewohner der Elbsandsteingebirge. Diese sind selbstverständlich ein Produkt dieser Untugend und herzenswarmen Einlassung mit der dortigen weiblichen Bevölkerung.

Denn als die Elbsachen die Lust verloren hatten, nach Süden über die Deiche zu gucken, und sich nach Norden hin gegen die nachdrängenden Scharen der Völkerwanderung zu verteidigen, zog der Geburtenüberschuss am Elbstrom entlang immer weiter Richtung Süden.

Dabei verlernten sie leider das normale Sprechen, verloren die hochgewachsene Gestalt durch den Sohlenabrieb und nisteten sich dann wie beschrieben dort unten als Nachbarn der schweißfüßigen Bayern an. Noch heute ist es den zurückgebliebenen dicken Dithmarschern nicht klar, warum ihre Stammesgenossen einst davon zogen: Und so manche Winternacht sitzen diskutierende Gruppe von Dithmarschern um die lodernden Herdfeuer und kratzen sich scharenweise an den Köpfen; vorzugsweise dem eigenen.

Manchmal allerdings kratzen wir Dithmarscher auch an fremden Köpfen. Dies ist ein Hobby, dass die Dithmarscher über Jahrhunderte bewahrt haben. Und eines, welches die Dithmarscher bis zur zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends von der Feudalherrschaft befreite. Als sich nach den Stammesauseinandersetzungen der Wikingerzeit auch bei uns im Schleswig-Holsteinischen die Feudalherrschaft durchzusetzen begann, beriefen sich die Dithmarscher auf ihren Inselstatus und wollten unter sich bleiben. Ja, sie hatten sogar die Frechheit, irgendwann um 1300 nach Christi herum, den Herren Grafen von Reventlou auf ziemlich handgreifliche Art und Weise ihre überflüssigkeit klar zu machen. Und sie des schönen Dithmarscher Landes zu verweisen.

Dann stellten sie sich, da es anscheinend doch nicht ohne etwas wie einen Herrscher ging, unter die weltliche Macht des Bremer Erzbischofs. Auch dies hatte seinen besonderen Hintersinn. Erstens ist Bremen mit dem Schiff fast eine Tagesreise von Dithmarschen entfernt. Zu damaliger Zeit fast eine Weltreise zu Fuß oder Pferd.

Und zweitens hatte der bremische Bischof eine höchst merkwürdige Angewohnheit: Schiffe, die vor seinen Ländereien durch das Wirken von Ebbe und Flut auf die niederen Wattsände gerieten und dann trocken fielen, wurden von seinen Strandvögten ausgeraubt und geplündert.

Da diese Tätigkeit aus leicht nachvollziehbaren geografischen und räuberischen Gründen mit Freude auch von den Dithmarschern ausgeübt wurde, hatte man logischerweise schon fast ein kollegiales Verhältnis zu diesem geistlichen Würdenträger. (Zur Entlastung des Bremer Erzbischofs muss man dazu wissen, dass die hinterlistige Erfindung der Kirchensteuer zu dem Zeitpunkt noch etwa sechshundert Jahre in der Zukunft lag. Da der Bremer Erzbischof bei aller Heiligkeit nicht darauf rechnen konnte, dieses biblische Alter zu erleben, blieb ihm ja kaum ein anderer Weg des halbwegs ehrlichen Broterwerbes. Denn man nennt diese Tätigkeit im allgemeinen nicht Strandraub, sondern Strandrecht).

Der Bremische Erzbischof akzeptierte diese lukrative Unterwerfung und versprach, die Dithmarscher nicht mit seiner Anwesenheit in Verlegenheit zu bringen. Im Gegenzug mussten die Dithmarscher den Zehnten dem Bischof abliefern.

Dass es sich bei den hauptsächlich beraubten Schiffen um Hanseatische handelte, vom städtischen Kaufmannsbund, dem sowohl Hamburg, Lübeck als auch Bremen angehörten, ist eine Pikantesse am Rande.

So runde zweihundert Jahre später war Dithmarschen immer noch eine Insel. Es hatten sich große bäuerliche Gemeinschaften gebildet. Die tatsächlich so etwas ähnliches wie eine Demokratie praktizierten. Zumindest, wenn man Demokratie im hellenistischen Sinne versteht, in der bestimmte Bevölkerungsgruppen, wie die Sklaven, auch nicht zu sagen hatten ..

Mit hungrigen Augen blickten die umliegenden, blaublütigen Landesfürsten auf die ertragreichen bäuerlichen Landwirtschaften Dithmarschens. Die Grafen und Herzöge forderten von den Dithmarschern Tributzahlungen. Was diese mit Hinweis auf den Bremer Erzbischof ablehnten.

Wie das so ist: Wenn jemand Streit sucht, bekommt er ihn auch. Also griffen die vereinigten Dänen und Holsteiner mit einer vierfachen übermacht die Dithmarscher an.

Diese waren aber durch ständige Fehden und die Blutrache untereinander im wechselseitigen Totschlagen geübt. Sie kraulten, wie schon beschrieben, erst ihre eigenen Köpfe und dann die abgeschlagenen der Angreifer. Welche sie, um den Angreifern eine bessere Aussicht zu gewähren, auf hohe Pfähle nagelten. Mit dem Bart in Richtung Grenze schauend.

Diese überraschende Nutzung der Grenzpfähle und die Aussicht auf diese besondere Aussicht ließ die Nachbarn für die nächsten Jahre dann doch etwas ruhiger werden. Denn auch viele und vor allen Dingen blaublütige Chefs hatten buchstäblich den Kopf verloren.

Erst bummelige neunundfünfzig Jahre und sieben Tage später kam es zu einer erneuten Auseinandersetzung dieser Art. Bei der sich die Dithmarscher etwas zu sehr darauf verließen, dass der Kriegsgott sich um sie ganz besonders kümmern würde.

In diesem Fall war durch die Reformation ja ein anderer Herr und Sachbearbeiter für Gebetserhörungen zuständig – und prompt war es das dann.

Dithmarschen wurde unterworfen und aufgeteilt in Nord und Süd-Dithmarschen; eine Teilung, die Anfang der Siebziger Jahre beendet wurde, aber in den Köpfen irgendwo immer noch existiert. Gewisse Dinge halten sich mit einer besonderen Beharrlichkeit unter der eingeboren Bevölkerung.

Wie man also sieht, hat Dithmarschen Jahrtausende alte Traditionen, was den Umgang mit Nachbarn und deren Geld und Gut angeht.

Ebenso haben die Dithmarscher eine Tradition darin, Geschichten immer wieder neu zu erzählen, bis sie sich so richtig rund und glatt anhören.

Eben unter dem Einfluss dieser guten Tradition und einiger starker Getränke begab es sich, dass ich in meiner Kieler Diaspora vor über zwanzig Jahren damit begann, die allesamt erlogenen Abenteuer meiner Helden Kool und Voss aufzuschreiben.

Dabei war ich geprägt von den Abenteuern Karl Mays und denen des Grafen von Luckner sowie den berühmten Lügengeschichten meiner Urgroßmutter Tille.

Beide Kerle schrieben in der Ich-Form, und auch meine Urgroßmutter erzählte mir die Geschichten als selbst erlebte. So griff ich erst zu diesem Stilmittel und dann zu meiner Schreibmaschine.

Da saß ich nun, ich literarischer Wurm, und schrieb meine Abenteuer auf. Doch dann geschah etwas, es schlich sich der Gedanke „Was wäre gewesen, wenn ...!“ in meine Geschichten ein. In der bewähren Weise der Dithmarscher spann ich die Geschehnisse aus. Ich blies sozusagen alles ein wenig auf.

Im Laufe der Zeilen entwickelten sich die Gestalten, die ich erspann, und erlangten ein Eigenleben. In der ersten Version glichen sie mir noch, doch dann: Deckel zu und für fast achtzehn Jahre in den Schrank. Insgeheim schrieb ich noch so manchen Gedanken auf, aber meine berufliche Karriere ließ mir keine Zeit. 1988 konnte ich zur Meisterschule in Hannover, schloss 1989 mit dem Titel ab und lernte so ganz nebenbei meine spätere Frau kennen. Dann machte ich mich in meiner Dithmarscher Heimat selbstständig, heiratete, und wir bekamen Kinder. Anno 2002 trennten wir uns. Jahre später lernte ich eine neue Frau kennen, und die las die Urversion, die schon beachtliche hundertachtzig Seiten aufwies. Das war so etwa der erste Band, wenn ich auch Vieles umbauen musste.

Onkel Wu war etwa fünfzehn Jahre lang nur eine Notiz auf einem zerfetzten Zettel!

Nun, meine damalige Freundin bestärkte mich, die Seiten einscannen zu lassen und die Storys weiterzuschreiben.

Doch kaum waren die vergilbten Seiten in ein heutiges Computerformat transkribiert, geschah etwas Erschreckendes: Meine Helden, die ich doch so edel schaffen wollte, schissen mir buchstäblich vor den Koffer.

Nein, die achtzehn Jahre Gefangenschaft zwischen den papierenen Wänden des alten Computerausdrucks hatten die beiden nicht zahmer gemacht. Kool hatte ein geradezu unwahrscheinliches Talent für Frauen entwickelt – etwas, das mir in dieser Form gar nicht so lieb war.

Auch die anderen Gestalten der unsäglich unwahren Abenteuer sind selbstverständlich Personen der Zeitgeschichte. Doch ist alles Geschehen um diese Personen und jedwede eventuelle ähnlichkeit erstunken, erlogen und an den Haaren herbeigezogen. Wo es das nicht sein sollte, sind einfach die Personen erlogen und erdacht.

Bevor jetzt also der Held meiner Geschichte alles abstreitet, was ich ihm in die Schuhe geschoben habe:

Ich halte uns Dithmarscher und Dithmarschen für etwas ganz Besonderes.

So besonders, dass man selbst die Funklöcher im Handyempfang am Geruch erkennen kann:

Je größer der Güllegestank, desto schlechter der Empfang ...

Und deshalb grüßt euch mit einem aufrichtigem Bedauern an all die Menschen, die dort leben müssen, wo der Fisch keine Köpfe mehr hat

euer Biokerl/Biograph